Gemeinsam für eine nachhaltigere Kardiologie: die «GREEN CATHeter Lab Study» am USB
Im Herzkatheterlabor fallen täglich grosse Mengen medizinischer Abfälle an. Die «GREEN CATHeter Lab Study» am Universitätsspital Basel schafft dazu erstmals eine Datengrundlage und zeigt, wie aus der Zusammenarbeit von Medizin, Nachhaltigkeit und Betrieb Lösungen für eine ressourcenschonendere Kardiologie entstehen.
Michael Kunz, Assistenzarzt Kardiologie und Mitglied des Forschungsteams
Katheter, Spritzen oder Operationsinstrumente verpackt in Karton oder Plastik: Bei interventionellen kardiologischen Eingriffen entstehen erhebliche Abfallmengen durch medizinische Einwegmaterialien und deren Verpackungen. Wie viel genau, war bislang weitgehend unbekannt. Deshalb startete die Kardiologie gemeinsam mit der Abteilung Nachhaltigkeit und dem Bereich Betrieb am USB eine Studie mit dem Titel «GREEN CATHeter Lab Study». Ziel der Studie ist, die Abfallmengen im Herzkatheterlabor systematisch zu erfassen und deren Umweltauswirkungen zu analysieren.
Michael Kunz, Assistenzarzt Kardiologie und Mitglied des Forschungsteams, betont:
«Das Thema Nachhaltigkeit ist im kardiologischen Bereich wichtiger denn je, da Patientinnen und Patienten älter und somit auch kardiologische Interventionen häufiger werden. Wir sollten das Thema also lieber jetzt angehen.»
Von der Idee zur Forschungsfrage
Dem Forschungsteam der Kardiologie fiel bereits früh auf, wie viel Müll täglich bei Eingriffen anfällt. Daraus entstand der Wunsch, die Mengen und den Umgang mit verschiedenen Abfallarten genauer zu untersuchen. So fand die Idee schnell Anklang, einen Waste Audit – eine systematische Abfallanalyse – im Herzkatheterlabor durchzuführen.
Die konkreten Fragestellungen entwickelten sich anfangs 2025 aus mehreren Austauschrunden zwischen Mitarbeitenden des Herzzentrums, der Abteilung Nachhaltigkeit sowie des Bereichs Betrieb. Schnell war klar, dass eine verlässliche Datengrundlage geschaffen werden soll, auf deren Basis gezielt Verbesserungen angestossen werden können. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiteten die drei Disziplinen des USB eng zusammen.
Vom Eingriff zur Kennzahl
In den Sommermonaten 2025 wog das Forschungsteam den Abfall von fünf unterschiedlichen interventionellen Eingriffen – insgesamt bei 50 Prozeduren. Die Abfälle wurden nach bestehenden Entsorgungskategorien getrennt erfasst.
Neben der Auswertung der Daten wurde geprüft, wie sich die Entsorgung des angefallenen Abfalls auf die Umwelt auswirkt; dies mit einer Ökobilanzierungssoftware. Die Auswertung befindet sich aktuell in der finalen Phase. Die Publikation ist für das Jahr 2026 geplant.
Klinische Realität trifft ökologische Analyse
Die «GREEN CATHeter Lab Study» zeigt, wie viel Potenzial entsteht, wenn unterschiedliche Fachperspektiven zusammenkommen. Jasper Boeddinghaus, Oberarzt Kardiologie und ebenfalls Mitglied des Forschungsteams, fasst dies so zusammen:
«Diese Studie hat ermöglicht, über den Tellerrand unseres sonstigen Forschungsbereichs zu schauen und gleichzeitig zeitgemässe und allgegenwärtige Themen wie Umweltverschmutzung und Emissionen gemeinsam anzugehen.»
Jasper Boeddinghaus, Oberarzt Kardiologie und Mitglied des Forschungsteams
Kardiologie, Nachhaltigkeit und Betrieb brachten jeweils spezifisches Wissen ein – von klinischen Abläufen über Ökobilanzierung bis hin zu Recyclingprozessen. Dadurch konnten die Ergebnisse nicht nur erhoben, sondern auch praxisnah interpretiert und in den USB-Alltag übersetzt werden.
«Die beteiligten Bereiche brachten unterschiedliche Blickwinkel ein, was sich ideal ergänzte. So konnten wir methodisch genau und gleichzeitig schnell und effizient arbeiten. Kommunikation und interdisziplinäre Zusammenarbeit haben von Anfang an sehr gut geklappt – gerade im laufenden Klinikalltag ist das nicht selbstverständlich.» – Michael Kunz
Die Teams betonen ausserdem, dass sie durch das Projekt einen Einblick in die Themen und Arbeitsweisen der anderen Bereiche gewonnen haben – ein Gewinn für zukünftige Zusammenarbeit.
Erste Erkenntnisse
Nachhaltigkeit im Spital gelingt nur, wenn ökologische Ziele mit klinischer Sicherheit und betrieblichen Anforderungen vereinbar sind. Die Zusammenarbeit ermöglicht realistische und praxistaugliche Empfehlungen und Lösungsansätze, die von allen Seiten getragen werden.
Eine Erkenntnis betrifft die Mülltrennung, die bereits gut funktioniert:
«Eine schöne Erkenntnis bislang ist, dass wir die Mülltrennung im Herzkatheterlabor im Rahmen unserer Möglichkeiten bereits relativ gut handhaben. Das soll andere Spitäler, aber auch USB-intern, inspirieren und aufzeigen, dass man ohne grossen Zusatzaufwand Geld und Ressourcen sparen und gleichzeitig die Umwelt schonen kann.» – Michael Kunz
Die Studie zeigt auf, wie wertvoll eine systematische Erhebung von Abfallmengen im klinischen Alltag ist. Durch die genaue Analyse einzelner Eingriffe wird sichtbar, wo Verpackungen überdimensioniert sind, welche Produkte nicht recycelbar sind und welche Materialien besonders ins Gewicht fallen. Obwohl dem Forschungsteam bewusst war, dass der Materialbedarf bei interventionellen Eingriffen gross ist, waren sie doch über die grossen Abfallmengen erstaunt. So kann an einem Tag je nach Eingriff im Herzkatheterlabor bis zu 100 Kilogramm Müll anfallen.
Wie es weitergeht
Die Sensibilisierung für den Umgang mit Ressourcen und Abfall wird insgesamt sehr positiv wahrgenommen. Im Herzkatheterlabor zeigen die Ergebnisse bereits konkrete Wirkung: Die Mitarbeitenden achten heute noch bewusster auf die Abfallthematik und insbesondere auf eine korrekte Mülltrennung. Ideen für weitere Forschung und Projekte in diesem Schnittstellenbereich sind bereits vorhanden – innerhalb des Spitals, aber auch über das USB hinaus.
«Wir hoffen, dass Publikationen wie diese in anderen Spitälern, aber auch in der Industrie, zum Umdenken anregen und ganz konkret Verpackungsdimensionen oder der Umgang mit Gebrauchsanweisungen hinterfragt werden.» – Jasper Boeddinghaus
Die beteiligten Teams sind sich einig: Nachhaltigkeit im Spital ist nur durch gemeinsames Vorgehen aller Akteure möglich. Die Studie zeigt, wie viel Potenzial in interdisziplinärer Zusammenarbeit steckt und wie wertvoll gemeinsame Lösungen für eine nachhaltige Spitalversorgung sind. Sie bildet einen wichtigen ersten Schritt, um ökologische Hotspots sichtbar zu machen und ressourcenschonendere Lösungen anzuregen. Zudem schafft sie eine Grundlage für weitere Forschung zu Materialwahl und Kreislaufwirtschaft im Gesundheitswesen und dazu, wie Abfall reduziert werden kann.